Das kann ICH alles besser! – Wenn Selbstüberschätzung zum Unternehmensrisiko wird

bbcode-image


Es gibt Kollegen, die misstrauen grundsätzlich allem, was sie nicht selbst gemacht haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Lösung von anderen Teammitgliedern stammt oder extern eingekauft wurde. Was nicht aus der eigenen Feder kommt, wird kritisch beäugt, vorschnell abgewertet oder direkt als mangelhaft abgestempelt. Besonders häufig zeigt sich dieses Verhalten im technischen Umfeld, wenn es um Software oder Hardware geht. Programme werden als fehlerhaft und unoptimiert bezeichnet, ohne dass sie jemals ernsthaft getestet oder analysiert wurden. Geräte gelten als unzuverlässig oder schlecht verarbeitet, weil einmal etwas nicht reibungslos lief. Aus einer einzelnen Beobachtung wird ein grundsätzliches Problem konstruiert.

Statt sich strukturiert mit möglichen Ursachen auseinanderzusetzen oder nüchtern nach Alternativen zu suchen, beginnt dann das große Herumbasteln. Es wird geschraubt, getauscht, umkonfiguriert und optimiert, um vermeintliche Unzulänglichkeiten zu beheben, die in dieser Form oft gar nicht existieren. Ein besonders anschauliches Beispiel war ein Mini-PC, der beim Kopieren sehr großer Dateien nicht den erhofften Datendurchsatz erreichte. Dabei wurde mehrfach erklärt, dass solche Szenarien im normalen Office-Alltag praktisch nicht vorkommen und sich bislang kein einziger Nutzer über die Performance beschwert hatte. Dennoch wurde aus diesem Einzelfall kurzerhand geschlossen, dass die gesamte Baureihe fehlerhaft sei und alle Geräte bald ausfallen würden.

Was folgte, war eine regelrechte Optimierungsodyssee. Die Wärmeleitpaste wurde ersetzt, weil es vermeintlich bessere Varianten gäbe. Mehrere zusätzliche SSDs wurden angeschafft und getestet, obwohl die eingebaute OEM-SSD für typische Büroaufgaben vollkommen ausreichend dimensioniert war. Die WLAN-Karte wurde ausgebaut, da sie als potenzielle Stabilitätsursache vermutet wurde. Das Kühlkonzept wurde als grundsätzlich schlecht durchdacht bezeichnet, Teile davon wurden mit Werkzeug entfernt und später provisorisch wieder eingebaut. Selbst nach weiteren Anpassungen und erneutem Austausch der Wärmeleitpaste blieb das Ziel, bessere Benchmarkergebnisse zu erzielen, insbesondere in synthetischen Tests wie Cinebench, die für einen Office-PC keinerlei Relevanz im Alltag haben. Am Ende zeigte das Gerät tatsächlich Probleme, doch nach so vielen Eingriffen war kaum noch nachvollziehbar, wodurch sie verursacht wurden. Ein Austausch gegen eine bewährte Alternative wie eine HP Z2 G1a wurde kategorisch abgelehnt, da der ursprüngliche Einzelfall inzwischen als Beweis für die generelle Untauglichkeit von Mini-PCs interpretiert wurde.

Ein ähnliches Muster zeigte sich bei einer Legacy-Software. Die Datenbank sei falsch aufgebaut, die Anbindung schlecht umgesetzt, alles voller Fehler. Den Entwicklern wurde unterstellt, sie hätten keine Ahnung und seien nicht in der Lage, bestehende Probleme zu beheben. Die gesamte Konfiguration wurde als unprofessionell dargestellt. Also wurde eine eigene Konfiguration entwickelt, vieles neu aufgesetzt und umgebaut. Doch nach umfangreichen Tests zeigte sich, dass die vorgenommenen Änderungen keinerlei messbare Verbesserung brachten. Die ursprüngliche Lösung funktionierte genauso gut oder schlecht wie zuvor.

Grundsätzlich ist es positiv, wenn Probleme angegangen und Lösungen gesucht werden. Doch nicht jedes kleine Symptom rechtfertigt es, ein gesamtes Produkt oder eine komplette Lösung als grundsätzlich fehlerhaft zu brandmarken. Wenn außer einer einzelnen Person niemand Probleme wahrnimmt, spricht vieles dafür, dass es sich nicht um ein systemisches, sondern um ein situatives Thema handelt. Ein sehr hochbezahlter Entwickler sollte seine Zeit nicht damit verbringen, verschiedene Wärmeleitpasten durchzutesten, um für einen Office-Rechner marginal bessere Benchmarks zu erzielen. Investierte Arbeitszeit muss in einem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen stehen. Ressourcen sollten dort eingesetzt werden, wo sie echten Mehrwert schaffen, und nicht zur Absicherung theoretischer Grenzfälle, die im realen Betrieb nie auftreten.

Die Folgen eines solchen Verhaltens sind gravierend. Schuld wird reflexartig bei anderen gesucht, externe Partner werden unnötig unter Druck gesetzt, um Notfälle zu verhindern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nie eintreten werden. Es wird Geld verbrannt, ohne dass ein messbarer Impact entsteht. Gleichzeitig wird die Arbeit anderer abgewertet, obwohl sie nach bestem Wissen und Gewissen und auf Basis sauberer Tests durchgeführt wurde. Wenn ständig behauptet wird, alles ließe sich besser machen, ohne dass sich diese Behauptung jemals belegen lässt, verliert Kritik an Glaubwürdigkeit. Am Ende weiß niemand mehr, ob Einwände berechtigt sind oder lediglich Ausdruck persönlicher Selbstüberschätzung.

Besonders problematisch wird dieses Verhalten in Führungspositionen. Wer grundsätzlich niemandem im Team vertraut, wird jede Arbeit hinterfragen und kleinreden. Statt Verantwortung zu delegieren, wird alles an sich gezogen, häufig mit dem Ergebnis, dass schlechtere Lösungen entstehen, als es mit etablierten Produkten oder externem Know-how der Fall gewesen wäre. Hinzu kommen unnötige Ausgaben, weil bewährte Lösungen aus Prinzip abgelehnt werden, obwohl sie anderswo seit Jahren stabil funktionieren. Führung bedeutet jedoch, Vertrauen zu schenken, Kompetenzen zu bündeln und die Stärken anderer anzuerkennen, nicht alles selbst besser wissen zu wollen.

Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: Man kann nicht alles besser. Kollegen und externe Partner arbeiten in der Regel nach bestem Wissen und Gewissen. Ohne konkreten Anlass ihre Arbeit grundsätzlich infrage zu stellen, ist nicht nur unfair, sondern auch ineffizient. Wer behauptet, alles besser zu können, muss dies auch nachweislich belegen. Wenn jedoch trotz großer Worte keine besseren Ergebnisse entstehen, sollte man eher an der eigenen Selbstwahrnehmung arbeiten als an der Hardware. Und wer dauerhaft Misstrauen sät, unnötige Kosten verursacht und etablierte Lösungen aus Prinzip ablehnt, sollte keine Führungsverantwortung tragen, denn eine solche Haltung führt selten zu besseren Ergebnissen – aber fast immer zu einem zerrütteten Team.
User annonyme 2026-04-30 21:08

Not able to write comment
Comments are disabled for this blog-entry.

Möchtest Du AdSense-Werbung erlauben und mir damit helfen die laufenden Kosten des Blogs tragen zu können?