Gedanken zu Kündigungen in Zeiten von KI

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Über die letzten Jahre war ich mehrfach an Kündigungen beteiligt, und auch wenn jeder einzelne Fall unterschiedlich war, haben sich gewisse Muster immer wieder gezeigt. Es ging selten um fehlende Programmierfähigkeiten. Viel häufiger waren es mangelnde Erfahrung für die jeweilige Position, ein nicht passendes Mindset oder – gerade in schnelllebigen Agenturumfeldern – eine fehlende Stressresistenz. Was dabei jedoch nie gefehlt hat, waren Gespräche. Es wurde Feedback gegeben, Erwartungen wurden klar formuliert und Probleme offen angesprochen. Gleichzeitig war aber auch oft spürbar, dass gewisse Dinge nicht kurzfristig veränderbar sind. Mindset, Zuverlässigkeit oder Kommunikationsfähigkeit lassen sich nicht einfach „nachschulen“.

Trotzdem gab es immer eine gewisse Sicherheit im Hintergrund. Die meisten dieser Personen hatten zuvor gearbeitet und konnten grundsätzlich auf einem bestimmten Niveau bestehen. Wenn jemand beispielsweise als Senior eingestellt wurde, sich aber eher als Junior entpuppte, war eine Trennung zwar unangenehm, aber kein Drama. Der Markt war aufnahmefähig, insbesondere für Entwickler. Selbst Junior-Positionen waren oft verfügbar, und die Gewissheit, dass jemand wieder unterkommen würde, hat solche Entscheidungen erleichtert.

Vor Kurzem gab es wieder einen solchen Fall. Die Situation war relativ eindeutig. Es gab eine konsequente Weigerung, grundlegende Tools wie Confluence oder Jira zu nutzen. Commits ins Git-Repository erfolgten nur nach mehrfacher Aufforderung, oft mit der Begründung, dass der Code ja noch nicht fertig sei – obwohl genau darin der Sinn moderner Versionskontrolle liegt. Aufgaben dauerten um ein Vielfaches länger als erwartet, und gleichzeitig bestand eine klare Ablehnung gegenüber dem Einsatz von AI-Agents in der Entwicklung. Dazu kamen fehlende Soft Skills, teils grenzwertiges Verhalten gegenüber anderen Führungskräften und eine insgesamt mangelnde Zuverlässigkeit. Einsicht war nicht vorhanden.

Die Besonderheit in diesem Fall lag darin, dass die Person formal auf Abteilungsleiterebene agierte – weniger aus Qualifikation heraus, sondern weil zu einem bestimmten Zeitpunkt schlicht niemand anderes verfügbar war. Doch ein Titel ersetzt keine Erfahrung. Ein Junior-Entwickler wird nicht plötzlich zum CTO, nur weil es organisatorisch gerade passt.

Was mich jedoch wirklich überrascht hat, war die Reaktion auf die Kündigung. Die Aussage, man würde als Entwickler ohnehin sofort wieder einen Job finden, kam mit einer Selbstverständlichkeit, die ich so nicht mehr für realistisch halte. Noch irritierender war die Ergänzung, man könne ja sonst einfach ins Projektmanagement wechseln. Diese Haltung unterschätzt gleich zwei Dinge fundamental. Zum einen sind gute Projektmanager extrem selten, und ihre Arbeit ist alles andere als ein Ausweichplan. Zum anderen basiert erfolgreiches Projektmanagement genau auf den Fähigkeiten, die hier zuvor gefehlt haben: Kommunikation, Struktur, Verlässlichkeit und der souveräne Umgang mit Tools wie Jira.

Ich habe in meiner Laufbahn nur eine Handvoll wirklich herausragender Projektmanager erlebt, obwohl ich mit vielen gearbeitet habe. Diese Rolle erfordert ein tiefes Verständnis für Menschen, Prozesse und Prioritäten. Sie ist kein Auffangbecken für gescheiterte Entwicklerkarrieren.

Auch die Annahme, dass Entwickler grundsätzlich immer gefragt sind, beginnt zu bröckeln. Wer moderne Entwicklungstools ablehnt und stattdessen darauf beharrt, dass sich alles auch mit Word, Excel und einem geteilten Laufwerk lösen lässt, sendet klare Signale. Spätestens in Bewerbungsgesprächen, an denen erfahrene Entwickler beteiligt sind, fallen solche Haltungen schnell auf. Ebenso entwickelt man ein Gespür dafür, wie realistisch die Erwartungen eines Kandidaten sind. Wenn jemand davon ausgeht, dass jedes Ticket vollständig ausgearbeitet ist, umfassende Dokumentation vorliegt und gleichzeitig eine hundertprozentige Testabdeckung existiert, dann zeigt das weniger Professionalität als vielmehr eine fehlende Nähe zur Realität moderner Softwareentwicklung.

Interessanterweise ist Programmieren selbst nach wie vor selten das eigentliche Problem. Wenn jedoch eine vergleichsweise günstige Tool-Subscription die Produktivität eines Entwicklers um ein Vielfaches steigern könnte und dieser Mehrwert nicht genutzt wird, dann ist das ein deutliches Warnsignal. Genau hier setzt auch der Einfluss von KI an. Die aktuellen Entwicklungen verschieben die Anforderungen immer stärker in die Bereiche, in denen viele Entwickler traditionell Schwächen haben. Kommunikation wird wichtiger, Dokumentation unverzichtbar, und die Geschwindigkeit sowie Qualität in der Umsetzung steigen durch den Einsatz von KI-gestützten Werkzeugen erheblich. Gleichzeitig gewinnen das Verständnis für das jeweilige Unternehmen und seine Produkte sowie die Fähigkeit, sinnvolle Tests zu schreiben, weiter an Bedeutung.

Diese Entwicklung macht manche Profile schlicht untragbar für moderne Teams. Und auch wenn es hart klingt, hoffe ich in diesem konkreten Fall, dass nicht sofort wieder eine vergleichbare Position gefunden wird. Nicht aus Missgunst, sondern weil Entwicklung Zeit braucht. Wer noch nicht so weit ist, sollte die Chance bekommen, in einem passenden Umfeld zu wachsen. Unternehmen, die bewusst Junior-Entwickler einstellen und fördern, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Nur so entsteht langfristig die Erfahrung, die später notwendig ist, um höhere Positionen nicht nur zu erreichen, sondern auch erfolgreich auszufüllen.
User annonyme 2026-05-21 19:38

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