Was wird in zwei Jahren sein?
Was wird in zwei Jahren sein? Diese Frage beschäftigt mich in letzter Zeit immer häufiger. Es sind keine ausgearbeiteten Prognosen, sondern eher lose Überlegungen darüber, wie sich alles entwickeln könnte, wenn die aktuelle Dynamik anhält. Und falls es am Ende doch ganz anders kommt, dann lag ich eben daneben. Sollte sich jedoch herausstellen, dass ich mit meinen Einschätzungen richtig liege, werde ich vermutlich nicht widerstehen können, das mit einem gewissen Stolz zu erwähnen.
Wenn ich mir anschaue, mit welcher Geschwindigkeit ich in den letzten Tagen neue kleine Tools und Features in bestehende Legacy-Systeme eingebaut habe, wird mir deutlich, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat. Aufgaben, die früher Planung, Abstimmung und viele Stunden konzentrierter Entwicklungsarbeit erfordert hätten, lassen sich heute oft in einem Bruchteil der Zeit umsetzen. Dieses Gefühl von Beschleunigung ist nicht mehr nur ein leises Hintergrundrauschen, sondern wird zunehmend zum dominanten Taktgeber im Arbeitsalltag.
Das Disruptive daran ist, dass diese Veränderung längst nicht mehr nur innerhalb der Softwareentwicklung zu spüren ist. Ich hatte zuletzt mehrere Anfragen dazu, wie sich etwa Plugins für Shop-Systeme mithilfe von KI entwickeln lassen. Gleichzeitig wächst das Unverständnis darüber, warum man noch mehrere Personentage bei einer Agentur einkaufen sollte, wenn sich vergleichbare Ergebnisse scheinbar in wenigen Stunden erzielen lassen. Diese Perspektive ist nachvollziehbar und wirft gleichzeitig spannende Fragen auf: Wie wird die Zusammenarbeit mit Agenturen künftig aussehen, wenn der eigentliche Code nicht mehr zwingend von ihnen stammt, sondern von einer KI generiert wird, die theoretisch von jedem bedient werden kann? Genau an diesem Punkt entscheidet sich, wie Agenturen in Zukunft ihren Wert definieren und ihr Geld verdienen werden.
Wird KI Jobs verändern? Daran besteht für mich kein Zweifel. Ich habe das Gefühl, mich gerade mitten im Epizentrum dieser Entwicklung zu befinden, weil die Softwareentwicklung vermutlich eines der ersten Berufsfelder ist, das die volle Härte, aber auch das enorme Potenzial dieser Technologie zu spüren bekommt. Einige Menschen werden ihren Job verlieren, wenn sie sich nicht anpassen, und selbst diejenigen, die sich weiterentwickeln, werden möglicherweise feststellen, dass künftig einfach weniger Entwickler benötigt werden.
Doch die Veränderungen gehen noch tiefer. Je besser KI wird, desto mehr verliert Software als Produkt an sich an Bedeutung. Ich ertappe mich immer häufiger dabei, dass ich nicht mehr gezielt nach Websites oder Tools suche, um kleine Aufgaben zu erledigen. Stattdessen lasse ich mir einfach eine kleine Web-App erstellen, die genau auf meinen Bedarf zugeschnitten ist. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, könnte es sich irgendwann kaum noch lohnen, Standardsoftware zu kaufen, wenn man sie sich direkt individuell generieren lassen kann. Viele Anwendungen sind in ihrer Struktur einfacher, als sie auf den ersten Blick wirken, und genau hier spielt KI ihre Stärke aus.
Was also macht ein Entwickler in zwei Jahren? Ich vermute, dass sich die Rolle deutlich verschiebt. Entwickler werden stärker definieren, was Software leisten soll und wie Systeme miteinander interagieren müssen. Sie werden Code eher prüfen als selbst schreiben, Kontext zu bestehenden Legacy-Systemen dokumentieren und alte Strukturen so aufbereiten, dass KI effektiv damit arbeiten kann. Gleichzeitig werden sie Unternehmen dabei unterstützen, KI sinnvoll einzusetzen, Automatisierungen zu entwickeln und neue Arbeitsweisen zu etablieren. Das wichtigste Werkzeug eines Entwicklers wird dabei die KI selbst sein.
Für mich persönlich bedeutet das, dass ich aktuell vor allem in einem überschaubaren Zeithorizont plane. Die nächsten zwei Jahre erscheinen mir greifbar genug, um Entscheidungen über neue und bestehende Systeme sowie deren Weiterentwicklung und Pflege zu treffen. Ich gehe davon aus, dass KI in diesem Zeitraum ein Niveau erreicht, auf dem sich ein Großteil der benötigten Standardsoftware direkt generieren lässt. Sollte mir ein Legacy-System dann nicht mehr passen, könnte es realistischer werden, es einfach neu zu bauen, statt es mühsam weiterzuentwickeln.
Ich stelle mir Meetings vor, in denen Fachabteilungen und Entwickler gemeinsam Anforderungen formulieren, während im Hintergrund bereits neue Versionen der Software entstehen. Eine Art „Vibe-Coding“ im größeren Maßstab, bei dem Systeme kontinuierlich angepasst und neu zusammengesetzt werden. Mein persönlicher Vorteil liegt dabei weniger im eigentlichen Programmieren, sondern darin, dass ich die Firma, ihre Prozesse und ihre Sprache kenne. Diese Fähigkeit, Anforderungen klar und eindeutig zu formulieren, könnte wichtiger werden als jede einzelne Programmiersprache.
Am Ende bleibt dennoch eine große Unsicherheit. Es wird sich zeigen, ob diese Entwicklungen tatsächlich in der Geschwindigkeit eintreten, die heute möglich erscheint, und welche Auswirkungen sie auf Gesellschaft und Wirtschaft haben werden. Mein Eindruck ist, dass Deutschland auf viele dieser Veränderungen noch nicht ausreichend vorbereitet ist. Umso spannender wird es sein zu beobachten, wie sich Technologie, Arbeitswelt und Erwartungen in den kommenden Jahren gegenseitig beeinflussen und neu ausrichten.
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